Donnerstag, 11. April 2013

Der Begfried

Gewaltig - und doch leicht zu übersehen: 

Der Bergfried ist der massigste und ehemals höchste Baukörper der Schauenburg. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Besucher vergeblich nach dem "Burgturm" Ausschau halten, obwohl er genau vor ihrer Nase steht. Der Grund: Da der Bergfried in die über 3 m dicke Schildmauer eingebunden ist und in seinem ruinösen Zustand diese nicht mehr überragt, kann er von der Hofseite aus nur anhand der beiden vorspringenden Seiten mit dem "abgeschnittenenen  Eck" erkannt werden. Von der Bergseite aus ist er überhaupt nicht auszumachen.
Anders sieht es aus der Luft aus. Aus der Vogelperspektive öffnet sich der Blick in den engen Innenraum (nicht zugänglich), und die Wuchtigkeit des Baukörpers wird erkennbar.

Grundriss mit rot markierten Bergfried. Gut zu erkennen: die Einbindung in die Schildmauer und die "abgeschnittene" Ecke zum Burghof hin.
Ansicht der Schauenburg von der Bergseite aus, gegen die sich die Ecke des in die Schildmauer eingebundenen Bergfrieds richtet. Früher überragte der Bergfried die Schildmauer und trat als wuchtiger Baukörper in Erscheinung.

Das Mauerwerk: 

Die Ecken des Bergfriedes wurden aus optischen und statischen Gründen mit größeren gut behauenen Sandsteinquadern aufgemauert. Unklar ist, ob diese zum Teil sekundär verwendet wurden und ursprünglich von einem anderen Gebäude (Wohnturm des Vorgängerbaus) stammen. Auch in die Mauer finden sich eingestreute Sandsteinquader. Ansonsten wurde die Mauer mit einfach beschlagenen Kleinquadern aus dem anstehenden Porphyr ausgeführt. Anders als in der Fachliteratur zum Teil dargestellt, fanden Buckelquader weder beim Bergfried noch bei anderen Mauern der Burg Verwendung.
Die Anschlussstellen von Schildmauer und Bergfried weisen keine Fugen auf. Die Mauern sind zeitgleich entstanden und wurden zusammen aufgemauert. Allerdings lässt sich innerhalb der Schildmauer eine durchgehende Mauerfuge erkennen, die mit großen Sandsteinplatten verzahnt wurde. Diese lässt darauf schließen, dass der gesamte Baukörper (Bergfried und Schildmauer) abschnittsweise errichtet wurde.
Anzunehmen ist, dass Schildmauer und Bergfried - wie bei Burgen üblich - verputzt waren. Um eine ästhetisch ansprechende Wirkung zu erzielen, könnte es sein, dass beim Verputzen die roten Sandsteinquader ausgespart wurden und sichtbar blieben. Die Wirkung ist leicht nachvollziehbar (siehe unten "Rekonstrustion II")

Die Lage: 

Die Lage des Bergfrieds ist in doppelter Weise durch die geographische Situation bedingt: Er steht an der höchsten Stelle des Sporns, auf dem die Schauenburg errichtet wurde (entspricht seiner Funktion als Warte und weithin sichtbares Machtsymbol getreu dem Motto "sehen und gesehen werden!") und ist mit der Außenecke gegen den aufsteigenden Hangscheitel des Ölbergs, die Hauptangriffsseite, gewandt, um einen möglichen Beschuss von den Hängern des Ölbergs herab abzuwehren und die dahinterliegenden Wohngebäude zu schützen (entspricht seiner fortifikatorischen Bedeutung).

Die Maße: 

Die Grundfläche des Bergfrieds ist annähernd quadratisch. Nach Christoph Bühler (Burgen der Kurpfalz, Heidelberg 1990) beträgt das Außenmaß 8,39m und das Innenmaß 2,1 m bei einer Mauerstärk von 3,1m. Das ergibt eine Gesamtfläche von 70,4m2 und eine Innenraumfläche von 4,6m2.

Die "fehlende" Ecke: 

Ein Rätsel stellt die über Bodenniveau abgeschnittene Ecke dar, durch die der Bergfried einen fünfeckigen Grundriss erhält. Fünfeckige Bergfriede sind zwar nicht ungewöhnlich, doch in diesem Fall ist der Zuschnitt weder durch die Form des Untergrunds bedingt noch durch das Anliegen, eine spitze Ecke gegen die Angriffsseite zu schaffen. Offensichtlich ging es darum, den Raum im Hof zu vergrößern, der nach Lage der randständigen Gebäude jedoch bereits relativ großzügig bemessen war. Eine Erklärung wäre, dass der Bergfried noch vor Abriss des Wohnturms der Vorgängeranlage errichtet wurde. Dieser Wohnturm lag dicht vor der "abgeschnittenen" Ecke in der Mitte des heutigen Burghofs. Erst die "fehlende Ecke" hätte den Durchgang zwischen beiden Baukörpern ermöglicht.

Der Bergfried als "Neubau": 

Bei vielen Burgen bildet der Bergfried nicht nur den wuchtigsten, sondern auch den ältesten Bauteil, quasi die Keimzelle im Zentrum, um das herum in mehreren Ausbauphasen die Burg "von Innen nach Außen" entstand (idealtypisch).
Über das Baujahr des Bergfrieds und der Schildmauer der Schauenburg gibt es keine Nachrichten. Fest steht jedoch: Diese Bauteile gehören nicht zu den ältesten, sondern gehören einer späteren Aus- bzw. Neubauphase an. Darauf verweisen die Fundamentreste einer älteren polygonalen Ringmauer, die von der Schildmauer und dem Bergfried überbaut wurden, und die wenigen erhaltenen Reste eines bereits im Mittelalter abgerissenen Wohnturms in der Mitte des heutigen Hofes (im Unterschied zum Wohnturm besitzt ein "Bergfried" keine Wohnqualität, sondern in erster Linie Wehr- und Statusfunktion).
Unter Umständen stammen Bergfried und Schildmauer erst aus der Ausbauphase unter der erzbischöflich-mainzischen Herrschaft im 14. Jahrhundert.

Finsteres Verließ oder stinkende Kloake?

Blick in das "Verlies" mit dem Ausgang eines Schachtes
Der enge tür- und fensterlose Raum im Sockelbereich eines Bergfrieds wird gemeinhin als "Verlies" bezeichnet, während die den Zugang gewährende Deckenöffnung mit dem schön-schaurigen Begriff "Angstloch" belegt ist. Entsprechend beliebt ist es, auf touristisch genutzten Burgen solche "Verliese" als besondere Attraktion mit Knochen und Ketten auszustaffieren oder mit roten Strahlern ins vermeintlich "rechte Licht" zu rücken. Doch die wenigsten Räume im Turmsockel dienten im Mittelalter als Verlies bzw. Gefängnis. Genauso gut konnten sie als Lagerräume genutzt werden.
Auch für den untersten Raum im Bergfried der Schauenburg gibt es keinen Hinweis auf eine Nutzung als "Verlies". Die einzige bauliche Besonderheit, stellt ein bei Ausräumarbeiten zutage getretener Schacht da, dem ein eigener Artikel gewidmet ist (HIER klicken). Dabei könnte es sich um einen Abortschacht gehandelt haben.

Rekonstruktion: 

Als "Schauenburger" sind wir auf "unsere" Burgruine natürlich stolz, aber ein wenig neidvoll fällt der Blick dann doch auf benachbarte Ruinen wie Strahlenburg oder Windeck, die schon von Weitem mit einem hoch aufragenden Bergfried grüßen (so wie man sich halt eine "stolze Burgruine" vorstellt). Von daher ist es kein Wunder, wenn vor Jahrzehnten die Absicht im Raum stand, den Bergfried wieder "hoch zu ziehen" und mit einem Café zu versehen.
Zum Glück wurden die Pläne jedoch rasch fallen gelassen! Denn zum einen ist es der Vorzug der Schauenburg als größte gastronomisch unverbaute Burgruine der Bergstraße Erholungssuchenden und Familien noch einen zwanglosen Raum zum Ausspannen, Picknicken oder Versteckspielen zu bieten. Zum anderen käme ein Wiederaufbau einer Verfälschung gleich, da nur wenige Aussagen über das frühere Aussehen des Bergfrieds möglich sind und keinerlei alte Ansichten existieren bzw. bekannt sind.
Rekonstruktion I unverputzt (Rafflewski)
Sicher ist: Der Bergfried besaß einen Hocheingang zur Hofseite. Aber auf welcher Höhe und an welcher Stelle der beiden in Frage kommenden Mauern? Sicher ist auch, dass der Bergfried, mehrere Stockwerke besaß und höchst wahrscheinlich über die übrigen Gebäude hinausragte. Aber wie hoch war er wirklich? Unter den Bergfrieden gibt es "Zwerge" von gerade mal 20 m Höhe und "Riesen", die bis zu 50 m aufragen. Dazwischen ist alles denkbar. Unklar sind auch die Raumgrößen in den oberen Geschossen, die bei abnehmender Mauerstärke vermutlich variiert haben. Wenn man für das Obergeschoss eine Mauerstärke von 1 m annimmt, bliebe Platz für einen mit über 50 m2 recht stattlichen Raum. Verfügte dieser über repräsentative Fenster oder doch nur über Lichtschlitze? Und wie war der Aufstieg? Ging´s über Holztreppen oder -leitern von Etage zu Etage oder gab es eine gemauerte Treppe, die in der Mauerstärke verlief? Die breiten Mauern hätten dafür reichlich Platz geboten. Und wie sah das Dach aus? Was war mit der Heizung? Gab´s einen Kamin oder sogar mehrere? Und wie funktionierte der Zugang zum vermuteten Wehrgang auf der Schildmauer. Ein direkter Zugang vom Bergfried aus ist anzunehmen - aber ebenfalls nicht beweisbar.

Aber vielleicht ist ja auch gerade das das Schöne: dass jeder Besucher frei ist, seine eigene Fantasie spielen zu lassen und den Bergfried in Gedanken wieder wachsen zu lassen.
Rekonstruktion II: verputzt mit Aussparung der Eckquader (Rafflewski)

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